AUDIOWEG GUSEN

Das unsichtbare Lager

Der AUDIOWEG GUSEN ist ein Kunstprojekt über den Umgang mit Erinnerung und das Leben auf dem Areal der ehemaligen Konzentrationslager Gusen I und II (Oberösterreich).

Am 5. Mai 2007 eröffnete die Präsidentin des Österreichischen Nationalrates Mag. Barbara Prammer im Beisein von KZ-Überlebenden, Zeitzeugen und Gästen aus dem In- und Ausland den AUDIOWEG GUSEN. Seither beschritten ihn rund 5.000 BesucherInnen und machten sich auf die Suche nach dem erloschenen Gedächtnis einer Gegend, in der sich während der NS-Diktatur die Konzentrationslager Gusen I und II befanden.

Der AUDIOWEG GUSEN ist kein historisch-wissenschaftliches Unterfangen und auch kein „Mahnmal“ im herkömmlichen Sinne. Als Kunstprojekt gibt er Raum für die Erfahrung radikaler „Unstimmigkeit“, die Auseinandersetzung mit den gegensätzlichen Identitäten dieses Orts, mit dem Vergessen – und mit dem eigenen Selbst.

Wer den AUDIOWEG GUSEN geht, wird mittels Kopfhörer durch eine beschauliche Wohn- und Erholungslandschaft geführt, die nichts von ihrer furchtbaren Vergangenheit erahnen lässt. Die ca. 90-minütige Audiocollage aus Klängen und Stimmen schafft einen virtuellen Raum im Kopf der Gehenden, in dem die Diskrepanz von Gesehenem und Gehörtem spürbar wird. Sie ruft die Realität der Konzentrationslager, aber auch ihre problematische und bis heute wirksame Nachgeschichte in Erinnerung. Ohne Stationen, Markierungen oder Pläne, nur mit einem i-Pod ausgerüstet, wird man präzise durch Wohnsiedlungen bis hin zu einem unterirdischen Flugzeugwerk geführt. Man hört Originaltonaufnahmen mit persönlichen Erinnerungen von Überlebenden der Lager, ZeitzeugInnen aus der regionalen Bevölkerung sowie die Ansichten der heutigen BewohnerInnen Gusens. Zu Wort kommen auch Wehrmachtssoldaten und ehemalige SS-Angehörige. Man hört, was nicht mehr zu sehen ist. Man sieht, was gegenwärtig ist. Menschen erzählen, was sonst unausgesprochen bleibt.

Viele, die den AUDIOWEG gehen, hören erstmals von dem nur wenige Kilometer von Mauthausen errichteten, aber nach dem Krieg weitgehend zerstörten Konzentrationslagerkomplex in Gusen. Dieser war mit mindestens 37.000 zu Tode Gekommenen der opferreichste auf heute österreichischem Boden. Ein vergessenes Kapitel der heimischen NS-Geschichte, das der AUDIOWEG GUSEN nach mehr als 60 Jahren ins Blickfeld von Öffentlichkeit und Medien rückt. Obwohl das KZ Gusen in seiner Bedeutung mit Lagern wie Buchenwald und Mauthausen vergleichbar ist, wurde es im öffentlichen Bewusstsein weitgehend ausgeblendet. Vermutlich ist Gusen der einzige NS-Konzentrationslagerkomplex dieser Dimension, dessen Areal nicht als öffentliche Gedenkstätte gewidmet wurde. Das Gelände und die baulichen Überreste werden heute von Unternehmen oder Privatpersonen genutzt. Der AUDIOWEG GUSEN verbindet die ehemaligen Areale der Lager Gusen I und Gusen II, er endet vor dem verschlossenen Portal zur unterirdischen Anlage Bergkristall, ehemals opferreiche Produktionsstätte für Messerschmidt-Flugzeuge. Das Stollensystem wurde von Häftlingen unter unmenschlichen Bedingungen gegraben – und ist bis heute kein offizieller Ort des Gedenkens. Der Zutritt ist, nicht zuletzt aus Sicherheitsgründen, verboten.

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